Toleranz und Vielfalt

Tätigkeitsfelder von Politologen

Die Tätigkeitsfelder von Politologen

1. Einleitung

Mit der Frage nach den Berufsfeldern eines Politikwissenschaftlers wird sich jeder schon einmal befasst haben, der in Erwägung gezogen hat, dieses Fach zu studieren. Spätestens nach der besorgten Frage: „was kann man denn damit später machen?“, ist der Moment gekommen, sich über mögliche Berufsfelder Gedanken zu machen. Dies ist aber gar nicht so einfach, denn im Vergleich zur Medizin, Jura oder z.B. dem Ingenieurwesen, fallen den meisten Menschen selten Berufe ein, die sie mit Politikwissenschaft in Verbindung bringen können. Dies liegt auch daran, dass das Tätigkeitsfeld des Sozialwissenschaftlers im Generellen nur bedingt erforscht ist, was auch zu einigen Problemen bei der Übergangsphase zwischen Studium und Beruf führen kann (vgl. Küffer et al. 2003: 2).
Um die Frage nach den Berufsfeldern beantworten und angehende Politikstudenten beruhigen zu können, bietet es sich an, die Leute zu fragen, die ihr Studium erfolgreich beendet und sich bereits mit den möglichen Berufsfeldern des Politikwissenschaftlers auseinandergesetzt haben. Im Rahmen einer Absolventenumfrage des Instituts für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg–Universität Mainz ist genau dies geschehen. Hierbei wurden 524 Magister- und Lehramtsabsolventen aus den Jahrgängen 1991 bis 1999 angeschrieben und gebeten, einen beiliegenden Fragebogen auszufüllen und diesen an das Institut zurückzusenden (vgl. Eberhardt 2004: 29). Neben allgemeinen Fragen zum Verlauf des Studiums und dem Absolvieren von Praktika wurden auch Informationen zum Berufseinstieg der Absolventen gesammelt. Diese Befragung führte nach einer anschließenden Datenbereinigung zu 259 gültigen Fragebögen, die zur Auswertung genutzt werden (vgl. Eberhardt 2004: 31).

2. Arbeitsbereiche und Angestelltenverhältnisse

Mit den erhobenen Daten der Absolventenumfrage des Instituts für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg–Universität Mainz lassen sich fünf große Berufsfelder für Politikwissenschaftler ausmachen. Jeweils 27 Prozent der Befragten gaben an, im privatwirtschaftlichen Bereich oder bei den Medien eine Anstellung gefunden zu haben. 16 Prozent fanden eine Stelle in einem Bereich mit politikwissenschaftlichem Bezug, und 15 Prozent arbeiten bei einem öffentlichen oder sozialen Dienst. Nur 8 Prozent fanden eine Beschäftigung an einer Universität bzw. in der Forschung. Weitere 7 Prozent gaben mehrere Berufsgruppen an (vgl. Eberhardt 2004: 100).
Im Vergleich zu den Befunden einer Absolventenbefragung des Otto Suhr-Instituts der Freien Universität Berlin zeigen sich deutliche Unterschiede. Denn in Berlin gab der größte Teil (30 Prozent) der Absolventen an, in Bereichen mit einem politikwissenschaftlichen Bezug zu arbeiten. Des Weiteren arbeiteten 23 Prozent im politikwissenschaftlichen Sektor und weitere 22 Prozent im Bereich von Universität und Forschung. Lediglich 17 Prozent arbeiteten in den Medien und 9 Prozent im öffentlichen oder sozialen Dienst (vgl. Eberhardt 2004: 101).
Der Vergleich der beiden Institute legt die Vermutung nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Universitätsstandort und den Berufsfeldern der Politikabsolventen gibt. In Mainz als Medienstadt tendieren die Absolventen dazu, im Bereich der Medien zu arbeiten, und in Berlin als Sitz des Bundestages, Bundesrates und vielen weiteren politischen Institutionen und Organisationen, tendieren die Absolventen eher in politiknahe bzw. politikwissenschaftliche Berufsfelder.
Wenn man nun einen Blick auf die Art der Beschäftigung der befragten Absolventen wirft, wird schnell klar, dass der überwiegende Teil, nämlich 79 Prozent, normale Angestellte sind. 11 Prozent sind Selbstständige und 9 Prozent Beamte. Jeweils ein Prozent der Befragten gaben an, eine ABM auszuüben oder als Arbeiter ihr Geld zu verdienen (vgl. Eberhardt 2004: 105). Ein beruhigendes Gefühl vermittelt die Tatsache, dass 54 Prozent der befragten Absolventen angeben, in einem unbefristeten Beschäftigungsverhältnis zu stehen. 32 Prozent hingegen haben nur einen befristeten Arbeitsvertrag mit der Option, diesen zu verlängern. Nur 14 Prozent befanden sich in der Situation, in einem befristeten Angestelltenverhältnis ohne Verlängerungsoption zu stehen (vgl. Eberhardt 2004: 106).
Eine ähnliche Zusammensetzung lässt sich auch bei den Absolventen des Otto Suhr-Instituts feststellen. Der einzige auffällige Unterschied zeigt sich bei dem Anteil der Angestellten. Dieser ist bei den Berliner Absolventen mit 65 Prozent etwas geringer, dafür gaben aber 16 Prozent bei ihrem Beschäftigungsverhältnis die Antwortmöglichkeit Sonstige an. Bei den Mainzer Absolventen betrug dieser Anteil 0 Prozent (vgl. Engelhardt 2004: 106).
Sehr erfreulich ist auch die Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Befragung 92 Prozent der befragten Absolventen in irgendeiner Form erwerbstätig waren. Nur 8 Prozent gaben an, nicht erwerbstätig gewesen zu sein. Zu beachten ist hierbei allerdings, dass in dem Fragebogen explizit nach Erwerbslosigkeit und nicht nach der Arbeitslosigkeit der ehemaligen Mainzer Politikstudenten gefragt wurde. Dies bedeutet, dass hierbei alle Personen, die zu dem Zeitpunkt der Umfrage aus den verschiedensten Gründen keiner Arbeit nachgingen, angaben erwerbslos zu sein. Die Anzahl der Absolventen, die letztendlich wirklich als arbeitslos gemeldet waren, wird vermutlich erheblich kleiner gewesen sein  (vgl. Eberhardt 2004: 118f). Ein Vergleich mit dem Otto Suhr–Institut ist an dieser Stelle nicht möglich, da kein Datenmaterial vorliegt.

3. Qualität der Arbeitsverhältnisse

Bei der Frage nach der Qualität der Arbeitsverhältnisse spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Im Rahmen der Absolventenbefragung des Mainzer Instituts für Politikwissenschaft wurden Informationen über das Einkommen, die Arbeitszeit und die Arbeitsinhalte gesammelt.
Betrachtet man die Einkommensstruktur der Mainzer Absolventen, zeigt sich erfreulicherweise, dass fast die Hälfte der Befragten ein Gehalt zwischen 4.500 DM und 8.000 DM pro Monat verdienten. 30 Prozent verdienten bis zu 3.000 DM, 15 Prozent verdienten zwischen 3.001 DM und 4.500 DM, 26 Prozent verdienten 4.501 DM bis 6.000 DM, 21 Prozent verdienten 6.001 DM bis 8.000 DM, und 8 Prozent verdienten sogar über 8.000 DM im Monat. Ein Vergleich mit dem Otto Suhr–Institut ist an dieser Stelle wieder nur schwer möglich, da die Einteilung der Gehaltsgruppe in der Arbeit von Frau Eberhardt bei 2.500 DM endet (vgl. Eberhardt 2004: 110). Im Fragebogen des Instituts ist die Frage nach dem Einkommen offen gestellt, und es ist nicht ersichtlich, wieso die Unterteilung im Datensatz bei 2.500 DM endet.
Leider muss man feststellen festzustellen, dass weibliche Absolventen aus Mainz tendenziell weniger verdienten als männliche. Gerade in den Gruppen der Besserverdiener (ab 6.001 DM im Monat) gab es mit 36 Prozent mehr Männer als Frauen, die in dieser Gruppe nur zu 23 Prozent vertreten waren (vgl. Eberhardt 2004: 108f). Eine Rolle könnten dabei die unterschiedlichen Arbeitszeiten spielen. Während die männlichen Befragten im Durchschnitt 47 Stunden in der Woche arbeiten, waren es bei den Frauen nur 42 Stunden. Interessant ist, dass eine kleine Gruppe (2 Prozent) weniger als 10 Stunden in der Woche arbeiteten, 12 Prozent zwischen 10 und 20 und 14 Prozent zwischen 20 und 30 Stunden. Unter den Vollzeitbeschäftigten arbeiteten jeweils rund ein Drittel 30 bis 40 bzw. 40 bis 50 Stunden in der Woche. 8 Prozent gaben sogar an an, zwischen 50 und 60 Stunden in der Woche zu arbeiten, und 4 Prozent der Absolventen lagen sogar noch darüber (vgl. Eberhardt 2004: 114f).
Bedauerlicherweise kann jedoch kein sehr positives Bild über die Arbeitsinhalte zeichnen. 46 Prozent der befragten Absolventen gaben an, eher selten Inhalte aus ihrem Politikstudium in ihrem Beruf anwenden zu können. 25 Prozent gaben sogar an, dass dies gar nicht der Fall sei. Erfreulicherweise konnten aber 20 Prozent angeben, dass sie die Inhalte ihres Studiums häufig im Beruf anwenden konnten. Nur einige wenige hatten die Gelegenheit, dies sehr oft zu tun. Bei Betrachtung der Absolventengruppen fällt hier besonders auf, dass die Saatsexamensabsolventen am meisten ihr Wissen aus dem Studium im Beruf anwenden konnten (15 Prozent) (vgl. Eberhardt 2004: 116ff). Ganz anders stellt sich dies z.B. bei den Politikabsolventen der FU Berlin dar. Von ihnen gab der größte Teil (52 Prozent) an, sehr häufig Inhalte ihres Studiums bei ihrer beruflichen Tätigkeit einbringen zu können (vgl. Eberhardt 2004: 117). Wie bereits erwähnt, liegt hier die Vermutung nahe, dass dies an dem Universitätsstandort liegen könnte. Auf Grund der hohen Konzentration vieler Bundesministerien, Bundesämter, Parlamente, Ländervertretungen, parlamentarischen und nicht parlamentarischen Organisationen uvm. liegt es auch nahe, dass 30 Prozent der Berliner Absolventen einer Beschäftigung mit politikwissenschaftlichem Bezug zum Zeitpunkt der Befragung nachgingen. 20 Prozent gaben sogar an, direkt im Bereich Universität und Forschung beschäftigt zu sein (vgl. Eberhardt 2004: 101).

4. Vergleich mit weiteren Studien und Instituten

Bei der Betrachtung von Absolventenerhebungen aus der Schweiz kann man die Bedenken hierzulande etwas besser nachvollziehen. Hier befinden sich die Absolventen der Politologie oftmals wirklich in einer ungünstigen Situation. Dies hat vor allem etwas damit zu tun, dass die Nachfrage nach Politologen in der Schweiz sehr gering ist. Im Rahmen einer Umfrage des Schweizerischen Dienstleistungszentrum Berufsbildung gab ca. die Hälfte der 226 befragten Absolventen an, Probleme bei der Arbeitsplatzsuche gehabt zu haben. Dies dürfte dann auch die Ursache dafür sein, dass im Jahr 2005 17 Prozent der Absolventen auf Stellensuche waren (vgl. SDBB 2007: 1). Wie auch aus anderen Studien zu entnehmen ist, gibt es außerhalb der Universitäten den Beruf des Politikwissenschaftlers bzw. den des Politologen eigentlich nicht. Gerade einmal 10 Prozent der Schweizer Absolventen üben eine Beschäftigung aus, in der der Abschluss eines Politologen erforderlich ist (vgl. SDBB 2007: 4f).
Ein weiterer Ausdruck für die ungünstige Situation der Schweizer Politikabsolventen ist das Einkommen. Dieses liegt etwa 7,5 Prozent unter dem durchschnittlichen Einkommen Schweizer Universitätsabsolventen womit 34 Prozent der Absolventen nicht zufrieden sind. Insgesamt geben 40 Prozent an, dass die Bezahlung im Hinblick auf ihre Ausbildung eher nicht bis überhaupt nicht angemessen ist (vgl. SDBB 2007: 5).

5. Fazit

Am Ende zeigt sich, dass Absolventen der Politikwissenschaft viele berufliche Optionen offen stehen. Die Betätigungsfelder reichen von den Medien über öffentliche Verwaltung bis hin zu konkreten Bereichen mit explizit politikwissenschaftlichem Bezug. Das Jobangebot kann regional aber sehr unterschiedlich sein. So konnte gezeigt werden, dass die ausgeübten Berufe von Mainzer Politikwissenschaftlern eher im Bereich der Medien liegen und die von Berliner Absolventen tendenziell eher einen politischen bzw. politikwissenschaftlichen Bezug haben.
Insgesamt lässt sich deshalb sagen, dass sowohl die Absolventen des Instituts für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg–Universität Mainz als auch die Absolventen anderer politik- und generell sozialwissenschaftlicher Institute nicht derart schlecht abschneiden, wie man es von häufig vielen Seiten hört. Die Annahme, dass diese Absolventengruppe nur Anstellungen an Universitäten und in Taxiunternehmen findet, trifft schlichtweg nicht zu (vgl. Hinz 2005:163f). Im Verhältnis zu anderen Studiengängen befinden sich Absolventen eines sozialwissenschaftlichen Studiums - bezogen auf ihre berufliche Situation als auch ihrem Tätigkeitsfeld - im Mittelfeld. Man kann also in keiner Weise von schlechteren beruflichen Bedingungen für die Absolventen politik- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge sprechen (Küffer et al. 2003: 2). Der Vergleich mit der Schweiz zeigt schließlich erhebliche Unterschiede innerhalb der Familie der deutschsprachigen Länder auf. Wenn der Bericht des Schweizerischen Dienstleistungszentrum Berufsbildung (2007) ein realistisches Bild zeichnet, sind die Arbeitsmarktbedingungen für die Schweizer Politologen schwerer als die für die Mainzer Absolventen.

Literatur

Eberhardt, Valérie Astrid 2004: Die Berufsfelder des Politikwissenschaftlers.Vergleichsstudie der ersten Absolventenbefragung des Instituts für Politikwissenschaft. Magisterarbeit, Institut für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg - Universität, Mainz.
Hinz, Thomas 2005: Wer schließt ab und was kommt danach. Ergebnisse der Münchner Absolventenbefragungen (1978-2000). In: Soziologie, 34. Jg., S. 153-165.
Küffer, Anne-Cathérine / Rothe, Katja / Glöckner, Ulf / Körner, Tobias / Weiss, Markus 2003: Tätigkeitsfeld und berufliche Situation von Sozialwissenschaftlern. In: Beitrag zur 3. Nutzerkonferenz „Forschung mit dem Mikrozensus: Analysen zur Sozialstruktur und zum Arbeitsmarkt“. ZUMA, Mannheim.
SDBB - Schweizerisches Dienstleistungszentrum Berufsbildung 2007: Die Beschäftigungssituation der Neuabsolventinnen und Neuabsolventen der Politologie. In: Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung – Arbeitsmarktstudie (http://www.berufsberatung.ch/).

 
 
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